Autor - Stefan Loges


22. Juni 2018

Entwicklung statt Wiederholung

Was noch werden kann – aus dem „Sketch for a Fountain“

Man kann von Kasper König einfach viel Lernen – vor allem die unbedingte Liebe zum Werk und zum Künstler selbst. Die Liebe zu Nicole Eisenman jedenfalls war unverkennbar als Kasper König jetzt für die Freunde der Brunneninitiative in der Trafostation die Entstehung des Werkes „Sketch for a Fountain“ rekonstruierte.


Am Anfang war der Ort, oder zumindest die Suche danach. Varianten wie der „Grüne Grund“ am Inselbogen, eine Siedlung der Gartenstadtbewegung der 20er Jahre, waren Nicole Eisenman „zu monumental“,  am Bremer Platz fürchtete sie die Verdrängung  der Drogen-und Obdachlosenszene durch ihre Kunst. Bis man schließlich an der Promenade fündig wurde, die, so König, „eigentlich nicht noch einmal beglückt werden sollte“. Aber der Zuspruch während der Skulptur-Projekte-Tage und die freimütige Nutzung der Nachbarschaft als Brunnen zum Spielen und Erholen sprechen hier für sich. Königs Urteil: „Der Brunnen ist eben ein Urwunsch.“

 

Kaspers Hoffnung

Und das Werk? König erläuterte die Qualität der Eisenman-Kunst an Beispielen der Malerei und erzählte von ihrer Zeit in der Punk-Bewegung, um dann zum Brunnen und seiner Wiederkehr zu finden. Die Mischung aus traditioneller Bronze als Anspielung auf die Gattung „Brunnen“ und das Prekäre der vergänglichen Gipsfiguren begeisterte König, das solle man doch wiederbeleben. Und schon entsteht eine zweite, eine neue Idee, die dem Bekannten gleichwohl verpflichtet ist: Mit den Bronzen, derzeit lagernd in Düsseldorf, und einer neuen Figurengruppe, die sich zwar auf die Skulpturprojekte bezieht, aber keine Wiederholung ist, sondern Weiterentwicklung statt identischer Kopie. Das habe nun  - so König -  die Bürgerinitiative selbst in der Hand.

 

Einen wichtigen Hinweis zu den nicht mehr vorhandenen Gipsfiguren kam schon Mitte Juni von Christoph Gerozissis, geborener Münsteraner und „Senior Director“ bei „Anton Kern“, der New Yorker Galerie von Nicole Eisenman: „Den Prozess zu integrieren ist typisch für die moderne Kunst. Bei den Gipsfiguren geht es darum den Prozess der Entstehung zu einem Teil des Kunstwerkes zu machen, die Vergänglichkeit selbst ist zweitrangig.“ Einfacher gesagt: es wird zunächst aus Gips modelliert, was später zur Bronze wird oder wie bei Eisenman im Stadium des Prekären verharrt.

 

Gerozissis´ und Königs Analyse lässt am Ende auf noch viel mehr hoffen als auf die reine Wiederkehr des „Sketch for a Fountain“ - auf die Teilhabe aller Freunde, Spender und Helfer an einem neuen Werk!  Was uns in jedem Falle bleibt ist das Vertrauen Kasper Königs in Nicole Eisenman: „Das ist eine extrem gute Künstlerin.“

 


8. Juni 2018

Moderne Kunst und Brunnen – da war doch was!

Was uns Jean Tinguely - Brunnenbauer, Maschinenmeister, Spaßvogel - lehren kann

In einer seiner berühmt gewordenen Briefzeichnungen schreibt Jean Tinguely im Oktober 1982 an die Freundin Karola Merz-Bieber: „Jetzt mach ich schnell das Stravinsky Brünnell. Am 7. März sollte es fertig sein & alles rostfrei. Alu & federleicht solid! Und lustig.“ Und das „Brünnell“ wurde dann auch fertig, gemeinsam mit seiner Frau Nikki de Saint Phalle hatte Tinguely vor das Centre Pompidou in Paris einen Brunnen, eine Wasserplastik, „La Fontaine Igor Stravinsky“ gezaubert, die aus trister Einöde heraus einen Platz mit Leben füllte. Noch heute vermittelt sich dem Paris-Besucher die Kunst von Tinguely und de Saint Phalle vor der großen Museumsmaschine genau so: federleicht und lustig.

 

Schon sechs Jahre zuvor war Tinguely ein ähnlich großer Wurf in seiner Heimatstadt Basel gelungen – der Fastnachts-Brunnen, der heute im Sprachgebrauch der Baseler längst zum Tinguely-Brunnen geworden ist. Neun kinetische Brunnenfiguren versprühen ihren Wassercharme und führen vor Basels Theater ein einmalig schönes Schauspiel auf. Es gibt den Schaufler, das Sieb, den Spritzer, die Fontäne und so weiter – alles Wasser und Kunst und Bewegung. Noch immer ist diese Faszination ungebrochen – obwohl für Stadt und Bürger teuer und aufwendig. 

Naomi Gregoris zieht 2013 in der Schweizer Tageswoche Zwischenbilanz: „Der Tinguely-Brunnen lebt. (…). Kein anderes Werk im öffentlichen Raum Basels braucht ein solches Ausmass an Unterhaltsarbeit. Aber die Mühe zahlt sich aus: Der Tinguely-Brunnen ist eines der beliebtesten Wahrzeichen Basels und zu jeder Zeit von Schaulustigen umgeben, die sich die Vorstellung der beweglichen Wasserskulpturen zu Gemüte führen.“ 

In guter Gesellschaft

Und schon kommt eine Hoffnung auf: Sind nicht auch Nicole Eisenmans Wasserfiguren dazu geeignet aus Kunst und Wasser und Bewegung einen Platz und einen Brunnen zu schaffen, der einmalig ist? Die Sprühnebelwolke über dem emporgereckten Haupt, die kleinen Fontänen aus dem Schienbein, das Rinnsal aus der Cola-Büchse, das ist der Witz und die Eigenart aus dem ein Wahrzeichen entsteht. Das Werk spielt mit der Brunnenidee, hat Becken und fließendes Wasser und fügt der Urform Neues hinzu – mit den freundlichen Figuren aus dem Comicgarten Nicole Eisenmans fühlt man sich geradezu wohl und in Gesellschaft. Dieses Werk hat seine Möglichkeiten bei den Skulpturprojekten nur angedeutet, der Rest liegt an uns. Und so mutig und freigiebig wie die Schweizer ist Münster doch wohl allemal.

 

Übrigens: den Fastnachtsbrunnen bekam die Stadt Basel vom Handelsunternehmen „Migros“ zum 50jährigen Jubiläum geschenkt und das Tinguely-Museum wird seit 1996 vom Pharma-Riesen „Roche“ betrieben. Wenn das kein Aufruf an Münsters Unternehmen ist – lasst Spenden sprudeln!

 

Wasserspiele vor dem Theater: Tinguelys „Fastnachtsbrunnen“ in Basel - zur Eröffnung kam Tinguely auf einem Kamel geritten und ließ im 19 cm tiefen Becken Synchronschwimmerinnen tanzen.

Foto: Stefan Holenstein, Copyright Kanton Basel-Stadt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jean Tinguely vor Heureka, Expo, Lausanne 1964

Mit seinen kinetischen Kunstwerken zählt Jean Tinguely (1925-1991) zu den wichtigsten Wegbereitern der Kunst nach 1950. Das Museum Tinguely (www.tinguely.ch) besitzt die weltweit grösste Sammlung seiner Werke.

 

Copyright Museum Tinguely, Basel, Foto: Monique Janot

 


11. Mai 2018

Nicoles Sehnsucht

Von der Skizze zum Brunnen zum Platz zur Nachbarschaft

Nicole Eisenmans Freude am eigenen Werk war unvermittelt, herzlich und überraschend, denn nicht die Skulptur als Beitrag zur Großveranstaltung war offenbar ihr Herzenswunsch, sondern der Brunnen als Ort  von Picknick, Pause und Spiel. Vor Kunstfreunden in Aspen hatte die New Yorker Künstlerin ihr Projekt „Sketch for a Fountain“ noch einmal von der ersten Radtour mit Kaspar König bis zum langsamen Verfall der Gipsfiguren erläutert: „I think of all the shows this was probably the most gratifying experience in doing anything in the art world. (…) I designed it for the neighbours in Münster. Ten kids in the fountain, that felt like the perfect day. It was so joyful.”

 

Zehn Kinder im Brunnen und ein heiterer Tag mit und durch die Kunst, wenn das kein Grund ist dieses Werk wieder an seinen Platz zu bringen ! Aber Eisenmans Auseinandersetzung mit dem Ort ging noch weiter: die vom Sonnenlicht beschienene Büste Annette von Droste-Hülshoffs im Böschungshain der Kreuzschanze erschien ihr als „Guardian Angel“.

 

In der Tat, wer sich mit dem Kunstwerk befasst, schaut auch neu auf diesen Ort und siehe da, neben der bekannten Annette taucht Julius Otto Grimm auf. Mit den Professorenbrüdern und Märchensammlern hatte er nichts zu tun, aber als Komponist und Dirigent war er bis 1903 eine feste Größe im Kulturleben der Stadt – Freund von Brahms und Kritiker Wagners. Wer nun weiter flaniert findet schließlich ein dritte Stele mit steinerner Eule im Stil der 60er Jahre und dem eingemeißelten Wort „Altum“, keine Erläuterung, kein Schild, kein Hinweis, nur ein vertiefter, steinerner Kranz am Fuß der Säule - ein Denkmal für einen Uhu? Gar nicht so weit gefehlt, die Skulptur erinnert an Johann Bernard Theodor Altum, bedeutender Ornithologe aus Münster und Zeitgenosse Grimms.  Der verwirrende Kranz – so freundlich kann Münster sein – ist eine Vogeltränke.

 

Das ist doch wirklich wunderbare Nachbarschaft: ein große Dichterin, ein Komponist und ein Vogelfreund. Wäre es da nicht Zeit, ein Zeichen im 21. Jahrhundert zu setzen und den künstlerischen und fortschrittlichen Geist der Stadt erneut oder neu zu beweisen? Unter dem Schutzengel Annette von Droste-Hülshoff könnten wir dann den Platz und die moderne Kunst für uns neu entdecken. Das wäre - wie Nicole Eisenman das Projekt für sich empfand -  „heartening“, „ermutigend“.

 

Eine schöne Idee den berühmten Ornithologen Bernhard Theodor Altum, nicht mit einer Büste sondern mit einem Uhu zu ehren - auch Kunst!

Annette von Droste-Hülshoff, Dichterin und Schutzengel für den „Sketch for a Fountain“

Julius Otto Grimm - an der Kreuzschanze Annette von Droste-Hülshoff zugewandt - die aber nur Augen für den von ihr und uns imaginierten Brunnen hat