Ansicht des alten Brunnens

Das Kunstwerk

Zwei überlebensgroße Bronze- und drei weiß patinierte Aluminiumfiguren gruppieren sich in einem spannungsvollen und zugleich zwanglosen Ensemble um ein Bassin

Illustration

Die Figuren sind weder eindeutig Mann noch Frau, sie sind geschlechtslos und nackt. Eine ihre Nacktheit selbstbewusst zur Schau stellende Figur streckt sich inmitten des Wassers dem Himmel entgegen, zu ihren Füßen finden wir kleinteilig modellierten Pilzbewuchs und eine alte, verrottende Getränkedose. Auf ihrer Schulter versprüht eine Schnecke feinen Wasserdunst. Die übrigen Figuren sind in entspannten Posen gezeigt, liegend mit einer Bierdose in der Hand, oder hockend mit Blick auf den Brunnen gerichtet. Die stehende und die liegende Bronzefigur, sowie die hockende Aluminiumfigur sind als Brunnenfiguren konzipiert, aus ihren Unterschenkeln und aus der Getränkedose fließt Wasser. Bemooste Steine (eine Dauerleihgabe der Stadt Marl) ergänzen die Szenerie. Ein Stein dient der liegenden Bronzefigur als Kopfstütze.

Skizzen
Mit der Brunnengestaltung interpretiert die Künstlerin eines der ältesten Themen von Kunst im öffentlichen Raum neu.

Mit der Brunnengestaltung interpretiert die Künstlerin eines der ältesten Themen von Kunst im öffentlichen Raum neu. Brunnen sind seit der Antike durch Künstler:innen gestaltet worden und entwickelten sich zu Treffpunkten der Bürger:innen bzw. nahmen wichtige Bedeutung im Stadtbild und der Stadtgesellschaft ein. Nicole Eisenman setzt sich mit dieser kunsthistorischen Tradition auseinander und spielt mit ihr: Sie lässt das Wasser eben nicht aus den klassischen „Öffnungen“ der Figuren fließen, beispielsweise den Mündern, sondern wählt Unterschenkel, Dose und Schnecke aus.



Die Wasseroberfläche des Brunnens wird durch das Sprenkeln des Wassers sanft bewegt und trägt zu der ruhigen Wirkung der Figurengruppe bei. Reduzierte Aktivität, Plätschern und die ebenerdige Aufstellung laden den Besucher ein, es den Figuren gleichzutun und Teil der Szenerie zu werden.

Ein idyllisches, friedliches Miteinander von queeren Figuren.

Ein idyllisches, friedliches Miteinander von queeren Figuren.

Die Schnecke an der linken Schulter der stehenden Bronzefigur ist ein Zeichen für die Bewegung der Homosexuellen. Trifft Sonnenlicht auf den Wasserdunst der Schnecke ergibt sich ein Regenbogen.

Die Schnecke an der linken Schulter der stehenden Bronzefigur ist ein Zeichen für die Bewegung der Homosexuellen. Trifft Sonnenlicht auf den Wasserdunst der Schnecke ergibt sich ein Regenbogen.

Die Figuren wirken schwerfällig, derb und träge und erinnern an Comics. In ihrer vermeintlichen Geschlechtslosigkeit und Nacktheit machen sie den Betrachter zum Beobachter und stellen Themen wie Körper, Sexualität und Rollenklischees in den Raum. Trifft Sonnenlicht auf den Wasserdunst der Schnecke, so ergibt sich ein Regenbogen – zugleich ein Zeichen für die Bewegung der Homosexuellen. Traditionell ist die Schnecke ein Symbol für Fruchtbarkeit. Hier bezieht sich die Künstlerin jedoch auf die Schnecke als Zwitter und unterstreicht nochmals ihre Aussage zur Frage nach dem Geschlecht oder der Sexualität.

Die fünf Figuren beziehen sich auf die jüdischen Verwandten der Künstlerin, die im Jahr 1937 geflohen sind. Eisenman schafft einen friedlichen Ort der Wiederbegegnung.

Die fünf Figuren beziehen sich auf die jüdischen Verwandten der Künstlerin, die im Jahr 1937 geflohen sind. Eisenman schafft einen friedlichen Ort der Wiederbegegnung.

Nicole Eisenman kehrt sich bewusst ab von den historischen und heroischen Brunnenkonzepten der vorherigen Zeit. Die einzelnen Figuren wie auch ihre Gesamtwirkung suggerieren dem Betrachter ein zwangloses Treffen, ein „Abhängen“ von Personen, Freunden und Bekannten, wie es an öffentlichen Plätzen heute stattfindet. Die Getränkedosen stellen dabei eine Verbindung zu unserer Zeit her. Zugleich wird die entspannte Wirkung des Ensembles durch das Thema der Vergänglichkeit unterwandert. Nicht nur die Pilze, die verrottende Dose und die Schnecke auf der Schulter erinnern uns an Vanitas, auch die Wahl der Materialien hat dieses Thema inne. Neben den klassischen Bronzeskulpturen, die typisch für eine Brunnenanlage sein können, wählt die Künstlerin drei Figuren aus weiß patiniertem Aluminium (im Rahmen der Skulptur Projekte 2017 waren sie aus Gips). Die Veränderung ihrer Oberfläche und die entstehende Patina sind geplant und der Besucher wird Teil dieses Prozesses.

Nicole Eisenman kehrt sich bewusst ab von den historischen und heroischen Brunnenkonzepten der vorherigen Zeit.

Bewusst entwickelt Nicole Eisenman einen Brunnen für unsere Zeit. Sie schafft ein idyllisches, friedliches Miteinander von queeren Figuren, die scheinbar von unserer ästhetischen oder gesellschaftlichen Norm abweichen. Sie spielt mit den Öffnungen für das Wasser und hinterfragt unsere Vorstellungen von einem Brunnen.



Zugleich bezieht sich Nicole Eisenman mit den fünf Figuren auf die Vergangenheit ihrer eigenen jüdischen Familie. Diese musste im Jahr 1937 aus Berlin und aus Wien fliehen. Die Flucht und Vertreibung der einzelnen Familienmitglieder war für die Künstlerin ein Beweggrund für die Schaffung der Skulptur. Ebenso wie ihre Vorstellung, dass sich die fünf Personen an einem friedlichen Ort wiederbegegnen.

Die Figuren wirken schwerfällig, derb und träge und erinnern an Comics.

Die Figuren wirken schwerfällig, derb und träge und erinnern an Comics.

Neben den klassischen Bronzefiguren wählt die Künstlerin drei Figuren aus weiß patiniertem Aluminium (während der Skulptur Projekte 2017 waren sie aus Gips).

Neben den klassischen Bronzefiguren wählt die Künstlerin drei Figuren aus weiß patiniertem Aluminium (während der Skulptur Projekte 2017 waren sie aus Gips).

Der Aufstellungsort

Das Figurenensemble „Sketch for a Fountain“ ist in Münster, an der Promenade, im Bereich der Kreuzschanze aufgestellt. An diesem Ort ist eine leichte Senke im Untergrund. Die stehende Bronzefigur richtet ihren Blick nach oben, gen Horizont, hin zu der einzigen natürlichen Lichtung in diesem Bereich der Promenade.

Die Brunnenanlage steht vor dem sogenannten „Liebeshügel“. Diese Erhöhung im Promenadengebiet ist mit Baumbewuchs versehen und diente besonders während der 1960er und 1970er Jahre als heimlicher Treffpunkt der Homosexuellen von Münster. Zu Fuße des Hügels ist die Büste der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff aufgestellt. Etwas weiter entfernt findet sich noch die Büste des Komponisten Julius Otto Grimm. Ein Uhu auf einem Sockel erinnert an die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Büste des Zoologen Bernhard Altum. Zudem war hier während der Skulptur Projekte 1997 „METRO-Net (Transportabler Lüftungsschacht)“ von Martin Kippenberger ausgestellt. All diese Bezüge waren Nicole Eisenman bekannt und sie waren entscheidend für die Auswahl dieses Standorts.

Eine Uhu auf einem Sockel erinnert an die im 2. Weltkrieg zerstörte Büste des Zoologen Bernhard Altum.

Eine Uhu auf einem Sockel erinnert an die im 2. Weltkrieg zerstörte Büste des Zoologen Bernhard Altum.

Büste der Annette von Droste-Hülshoff

Büste der Annette von Droste-Hülshoff

Büste des Komponisten Julius Otto Grimm

Büste des Komponisten Julius Otto Grimm

„Sketch for a Fountain“ im Rahmen der Skulptur Projekte 2017

Die Skulptur Projekte 2017 in Münster waren beim Publikum, aber auch in der internationalen Wahrnehmung, ein großer Erfolg. Besondere Aufmerksamkeit und Beliebtheit erfuhr die Arbeit „Sketch for a Fountain“ der Künstlerin Nicole Eisenman. Hier versammelten sich Menschen aller Generationen, um zu verweilen, zu entdecken, sich auszutauschen, aber auch, um kontrovers zu diskutieren.

Der Brunnen steht vor dem sogenannten „Liebeshügel“ an der Promenade, der in den 1960er und 1970er Jahren als heimlicher Treffpunkt der Homosexuellen diente.

Der Brunnen steht vor dem sogenannten „Liebeshügel“ an der Promenade, der in den 1960er und 1970er Jahren als heimlicher Treffpunkt der Homosexuellen diente.

„I think of all the shows this was probably the most gratifying experience in doing anything in the art world. (…) I designed it for the neighbours in Münster. Ten kids in the fountain, that felt like the perfect day. It was so joyful.”

(Nicole Eisenman)

Dennoch war „Sketch for a Fountain“ die einzige Arbeit dieser Ausstellung, die mehrfach angegriffen und teilweise zerstört wurde. In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli randalierten Unbekannte an der Skulptur, drückten einige der Gipsarbeiten ein und „enthaupteten“ die sitzende Gipsfigur. Gemeinsam mit den Kurator:innen der Skulptur Projekte entschloss sich Nicole Eisenman, die Figuren so zu belassen und den Angriff als Teil der Arbeit aufzunehmen. In der Nacht vom 23. September, am Vorabend der Bundestagswahl in Deutschland, erfolgte ein weiterer Angriff auf das Werk. Diesmal wurden die Figuren mit blauer Farbe beschmiert, Hakenkreuze aufgesprüht und homophobe Zeichen aufgemalt.

Diese Zerstörungen lösten in den internationalen Medien Reaktionen aus. Nicole Eisenman äußerte sich wie folgt: “Last night my piece in Skulptur Projekte Münster was spray painted with a swastika and further vandalized, they broke the fountain pumps. This, on the eve of the election in Germany where its predicted that the AfD will enter the German Parliament for the first time … real Nazis in the German Reichstag for the first time since the end of World War Two.” Die Organisator:innen der Skulptur Projekte zeigten sich ebenfalls entsetzt. Zugleich erfolgte eine Diskussion in der Stadtgesellschaft aufgrund der Angriffe auf das Kunstwerk und über die möglichen politischen Hintergründe. Auch die Künstlerin nahm diese Diskussion wahr und stand in regem Kontakt zu den Kurator:innen.

„… the AfD will enter the German Parliament (…) real Nazis in the German Reichstag for the first time since the end of World War Two.”

(Nicole Eisenman)

Unmittelbar nach diesen Attacken auf das Kunstwerk fanden sich unvermittelt die Initiator:innen von „Dein Brunnen für Münster e.V.” zusammen. Es entwickelte sich spontan die Idee, aus der Mitte der Bevölkerung heraus dieses bedeutende Kunstwerk mit Hilfe aller Münsteraner Bürger:innen wieder zu erwerben und für Münster dauerhaft zu erhalten, besonders auch als ein Zeichen für eine friedliche, offene und tolerante Gesellschaft

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